Gastkritik „Tyrannosaur“

Gastkritik von Alex Lohse

TYRANNOSAUR. EINE LIEBESGESCHICHTE.“ von Paddy Considine (B+R; GB 2011; 92 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 8.3.2012).

Joseph (PETER MULLAN) ist ein unter Kontrollverlust leidendes, gewalttätiges Arschloch, dies führt uns der eigentlich als Schauspieler bekannte Regisseur Paddy Considine (spielte u.a. in BOURNE ULTIMATUM) in seinem Spielfilmregiedebut Tyrannosaur in den ersten Sekunden drastisch vor Augen. Typ Kneipenschläger mit Alkoholproblem ein paar Wochen vor seiner Inhaftierung oder einem womöglich noch drastischeren Finale eines anscheinend völlig verpfuschten Lebens in seiner Endphase. Hanah (OLIVIA COLMAN) ist eine etwas kuhäugige, religiös-gutherzige Vertreterin der unteren Mittelschicht, arbeitet in einem Wohltätigkeitsladen, wohnt in einem kleinen Häuschen in einer etwas wohlhabenderen Gegend der ansonsten filmisch deprimierend eingefangenen Arbeiterstadt Leeds, die den Hintergrund für die nächsten 92 Minuten gibt. Dies sind die beiden Hauptdarsteller, die im Zentrum von Tyrannosaur stehen, ein typisches englisches Sozialdrama bahnt sich also an, und auch wenn uns die Werke von Regisseuren wie Mike Leigh oder Ken Loach als herausragende Protagonisten dieses Genres in den letzten Jahrzehnten viel Sehenswertes beschert haben, so seufzt man doch instinktiv ein wenig, wenn man schon wieder rote Ziegelbauten und problembeladene Gestalten aus dem britischen Arbeitermilieu auf der Leinwand sieht. Denn man ahnt, wie es vermutlich weitergeht. Die Mutter Theresa im Klamottenladen versucht die in der Eckkneipe verloren gegangene Seele Joseph zu retten, nebenbei erfährt man allerlei Soziopsychologisches über die ungerechte soziale Schichtung der britischen Gesellschaft und den eigentlich liebenswerten Kern in jedem Menschen.

Tyrannosaur funktioniert allerdings anders und lässt, wie der „Guardian“ in einer Kritik bemerkte, Mike Leigh aussehen wie einen Walt-Disney-Regisseur. Zum einen sind die Dialoge deutlich rauer als gewohnt, vor allem im englischen Original, und insgesamt geht Considine unideologisch und unverklärt mit einer brachialen Wucht an sein Thema ran, dass es einen zuweilen in den Kinositz drückt. Dieser Film, das wird einem spätestens nach der zweiten denkwürdigen Charaktereinführung des nicht in allen Lebenslagen liebenswürdigen Ehemanns von Hanah klar, ist keine leichte Kost, nicht einmal mittelschwere, sondern das filmische Äquivalent eines Schlags in die Magengrube. Hier wird ohne relativierende Erklärungen hineingefilmt in die prekärsten Winkel zwischenmenschlicher Alpträume und in das aussichtslose Verliererleben Josephs und seiner Unfähigkeit, selbst mit gutmeinenden Kreaturen noch anders als mit Schlägen zu kommunizieren. Auf der Flucht nach einer Kneipenschlägerei kreuzen sich die Wege der beiden Protagonisten hinter einem Kleiderständer in Hanahs Kramladen. Die beiden brauchen sich, das wird einem allerdings erst klar, nachdem man Joseph und Hanah eine Weile gefolgt ist und in drastischen aber auch einfühlsamen Bildern einen wirklich schrecklich schönen Blick in zwei Lebensentwürfe wagt, die man sonst nur aus dem Polizeibericht des Regionalteils kennt.

Es entwickelt sich das, was im Filmuntertitel angedeutet ist: „eine Liebesgeschichte“, die aber mit den üblichen Liebesgeschichten im Kino recht wenig zu tun hat. Selbst wenn man den beiden Protagonisten mit einem Schwingschleifer durch die im Laufe des Films zunehmend stärker in Mitleidenschaft gezogenen Gesichter fahren würde, wäre diese Romanze nicht poliert genug, um als „Love Story“ durchzugehen. Doch dies scheint die Botschaft dieser wahrscheinlich unromantischsten Romanze des vergangenen Kinojahrs zu sein: Zuneigung kann selbst in den abwegigsten Ecken und den kaputtesten Charakteren entstehen. Dennoch entlässt einen dieser in Übermaßen realistische Film nach einer doch recht unerwarteten Wendung einigermaßen ratlos und vermutlich etwas bedrückt.

Es bleibt die Frage: Muss man sich leidende Wracks in einer deprimierenden und gewalttätigen Umgebung anderthalb Stunden anschauen? Die klare Antwort: man muss! Und dies liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellern. Peter Mullan, wir kennen ihn aus Trainspotting, zuletzt war er zu sehen in der Rolle des Ted in Spielbergs Gefährten, spielt einfach grandios. Mit was für einer brachialen Kraft er die stumpfsinnige Gewalttätigkeit, aber auch die dahinter steckende Verzweiflung und Orientierungslosigkeit auf die Leinwand bringt, ist wirklich atemberaubend. An seiner Seite Olivia Colman, bekannt eher durch leichtere TV-Serien-Kost, zuletzt zu sehen in „die eiserne Lady“, ist eine Offenbarung. Ihre Darstellung des klassischen Opfers ehelicher Gewalt ist so glaubwürdig und vielschichtig, dass man zuweilen vergisst, einen Film zu sehen.

Und auch Eddie Marsan, der König der Nebenrollen, den man vielleicht noch als Fahrlehrer aus Happy-Go-Lucky in Erinnerung hat, spielt exzellent und geht vermutlich als widerlichster Filmfiesling des letzten Jahres in die Filmgeschichte ein. Ein insgesamt wirklich herausragendes Ensemble und die Kritik sieht es genauso, Darstellerpreise beim Sundance Festival, beim Chicago Filmfest, den British Independent Film Awards und zuletzt der Bafta Filmpreis für Tyrannosaur sprechen eine deutliche Sprache.

Ein Filmvergnügen ist Tyrannosaur, allerdings eines, das man sich als Zuschauer schwer verdienen muss, und eine Warnung noch zuletzt: Hundeliebhabern ist der Film ausdrücklich nicht empfohlen.

Anbieter: „Kino Kontrovers bei Bavaria Media“