Gastkritik „Sound it out“

Gastkritik von Hans-Jürgen „Tatze“ Günther

SOUND IT OUT – The Very Last Record Shop“, ein Dokumentarfilm von Jeanie Finlay (GB 2011; 74 Minuten; Start D: 10.05.2012).

Im entindustrialisierten, ziemlich abgewrackten Teil des englischen Nordostens liegt die kleine Stadt Stockton-on-Tees. Dort betreibt Tom Butchart mit seinen beiden Helfern David und Kelly den letzten unabhängigen Plattenladen der ganzen Gegend: Sound It Out Records mit 50 000 neuen und gebrauchten Vinylplatten und CDs auf 115 qm; dazu natürlich Tapes, Posters und Memorabilia. Hin und wieder finden auch kleine Konzerte statt. Es herrscht eine spezielle Atmosphäre im sympathisch vollgestopften Laden, der über wundervolle, im besten Sinne schrullige Stammkunden verfügt, die nie auf die Idee kämen, ihre Platten beim Kettenriesen HMV zu kaufen. Und der dennoch in seiner Existenz bedroht ist durch Zeitenwandel und Internet.

Die aus der Gegend stammende Regisseurin Jeanie Finlay, früher selbst Kundin, hat ein hinreißendes, zwischen Humor und Schwermut pendelndes Porträt der Menschen in diesem Laden gedreht. Da ist der (fast) allwissende Tom, der alle seine Schätze kennt und die übrigen beschaffen kann; das hochnäsige Motto „If we don´t have it, you don´t need it“ ist ihm fremd. Da ist Shane, der in einem Vinylsarg aus seinen eingeschmolzenen Platten begraben werden möchte. Da sind Sam und Gareth, zwei unzertrennliche junge Metal-Fans, bei denen die Liebe zur Musik so weit geht, dass sie Gareth sogar vor dem Suizid bewahrte. Da sind die DJs Big Dave, Dick, Franky und John-Boy, die jeden anderen Job annähmen, wenn´s denn einen gäbe. Für sie ist die Musik der Rettungsanker vor dem Abgleiten in Straßenkriminalität. Und da sind noch die Rentner, die endlich Meat Loaf oder die Dire Straits für fünf Pfund kennen lernen wollen oder einen Song suchen, den sie gerade im Pub nebenan gehört haben. Auch erfahren wir, wie schön es ist, bei 400 Konzerten von Status Quo gewesen zu sein.

All dies hat Jeanie Finlay mit viel Detailliebe und ohne jeden Anflug von Voyeurismus oder Bloßstellung der Protagonisten in präzise Bilder gefasst, die von einem aufregenden Soundtrack begleitet werden. Indie-Größen wie Saint Saviour, Russell And The Wolves, Idiot Savant und Das Wanderlust, aber auch die etablierten Status Quo geben ihr Bestes in einem 74minütigen Kultfilm über einen Kultladen (= 4 PÖNIs).