Gastkritik „Kubo“

Kubo – Der tapfere Samurai – Gastkritik von Dr. Rolf Giesen

KUBO – DER TAPFERE SAMURAI“ von Travis Knight (USA 2014-2016; B: Marc Haimes, Chris Butler; K: Frank Passingham; M: Dario Marianelli; das Lied „While My Guitar Gently Weeps“ wurde von George Harrison geschrieben und wird von Regina Spektor gesungen; 98 Minuten; Start D: 27.10.2016);

Für den Animations-Experten Dr. Rolf Giesen ist es einer der schönsten und familien-freundlichsten Filme dieses Kino-Jahres.

Hier seine Begründung bzw. Gast-KRITIK:

So sehr sind wir an die Computeranimation gewöhnt, daran, dass synthetisches Leben auf der Leinwand nichts anderes sein kann als digital, dass wir schon kaum mehr wahrnehmen, dass Kubo nicht Leben aus der Computer-Retorte ist, sondern Stop-Motion-Puppenspiel mit Replacement-Gesichtern, das, Bildphase für Bildphase in mühseliger Arbeit bewegt (wer es nicht glaubt, mag sich das Making of auf YouTube anschauen), eine große japanische Fabel erzählt, wie sie feiner und ästhetisch reizvoller Nippons bester Puppentrickfilmer, der im August 2010 verstorbene Kihachiro Kawamoto, nicht hätte realisieren können. Mit dem Unterschied, dass an diesem Film keine Japaner beteiligt waren, weder an Drehbuch und Regie noch an der Animation.

Das US-Animationsstudio Laika Entertainment mit Sitz in Portland, Oregon, das dieses Phantasiespiel um einen Samurai-Jungen produziert hat, hat sich inzwischen als weltbestes Stop-Motion-Atelier qualifiziert. Hervorgegangen ist es aus Will Vintons Claymation-Studios. Obwohl auch im Fall von Kubo mit digitalen Effekten und entsprechender Aufnahmetechnik, Green Screen und modernen Tools gearbeitet wurde, basiert alles noch auf solidem Handwerk, wie es nur noch von einer überschaubar kleinen Gruppe von Animatoren weltweit beherrscht wird. Die Liste der Laika-Produktionen ist eindrucksvoll: Corpse Bride, Coraline, ParaNorman, Box Trolls, aber nichts kommt gegen Kubo an, was Epik, Poesie, Liebe zum Detail, Kunsthandwerk, Technologie und Performance, also Glaubwürdigkeit und Beseeltheit der Puppen-Animation angeht.

Kubo ist den in der japanischen Kultur so verbreiteten Geistergeschichten nachempfunden. Der Titelheld ist ein Junge, der in einem Dorf an der Küste lebt, von seiner Mutter Zauberkräfte geerbt hat und als begabter Storyteller Origami-Figuren zum Leben erwecken kann. Sehr zum Missfallen ihres Vaters, des Mondkönigs, hat Kubos Mutter einen sterblichen Samurai namens Hanzo geheiratet, und nun will sich der Großvater an seinem Enkel rächen. Bei der Geburt des Knaben hat er ihm schon ein Auge genommen, jetzt soll auch noch das andere dran glauben. Die Mutter opfert sich für ihren Sohn, aber sie lebt fort in einem Affen, der aus Kubos Talisman gezaubert ist, und sein toter Vater im Geist eines verwunschenen Samurai-Käfers.

Das sind die two strings, die zwei Schnüre des Originaltitels (Kubo & the Two Strings). Vater und Mutter wirken auch nach dem Tod als „Schutzengel“, als schamanische Krafttiere: Familie wird großgeschrieben in den Kulturen Asiens. Unterstützt von ihnen und der kleinen Origami-Samurai-Figur, sucht Kubo die Waffen des Vaters, um seinen Großvater und seine beiden bösen Tanten in die Schranken zu weisen: das Schwert Unzerbrechlich (das im Schädel eines riesenhaften Skeletts steckt: Ray Harryhausen hätte gestaunt, staunen wir ruhig mit!), die RüstungUndurchdringlich, die Kubo unter Wasser, im Garten der Augen, findet, und den Helm Unverwundbar. Dann nimmt er die Herausforderung des Großvaters an, um die Menschen seines Dorfes zu retten. Die Familientragödie endet damit, dass Großvater selbst zu einem Sterblichen wird, sich an seine Boshaftigkeit nicht mehr erinnern kann und als guter Mensch auf Erden weiterlebt.

Das 60 Millionen Budget ist bestens angelegt in diesem Meisterwerk mit Puppen, die trotz ihrer Stilisierung menschlicher sind als die Darsteller vieler Realfilme, die menschliche Gefühle echter spiegeln als die halbe deutsche Jahresproduktion. Zwei Schnüre: Tod und Wiedergeburt in einer menschlicheren Welt. Ein zutiefst humanistischer Puppenfilm, den Künstlerhände magisch aufgeladen haben.