Francois Truffaut

„VIVEMENT TRUFFAUT!“, eine Hommage (Deutschlandradio „Kulturzeit“ am 12.11.1992)

Die Wiederbegegnung mit FRANÇOIS
TRUFFAUT
ist eine sehr persönliche. Der François
Truffaut und seine Filme, das war für mich und meine Generation für die kultursüchtige Nachkriegsgeneration, ein auch sehr intimes Dauer-Thema. Immer, wenn es im Alltag, in der Schule, im Studium oder im zwischenmenschlichen Beziehungsgeflecht, Probleme gab, bin ich umso häufiger in seine Filme gegangen. Kino als “Lebenshilfe“, als “Medizin“, es war wie ein Wunder. Denn es wirkte und “half“.

Robert Fischer, Münchner Filmpublizist, war mit François Truffaut bekannt und befreundet. Er hat zahlreiche Truffaut-Bücher herausgegeben oder übersetzt und gilt hierzulande als d e r Truffaut-Experte. Sein Wissen und die Materialien aus seinem Archiv sind ein wichtiger Bestandteil des Projekts “Vivement Truffaut!“, das eine Hommage an den wichtigsten französischen Regisseur der Nachkriegszeit ist. Dessen filmisches Hauptthema es war, Extremzustände des Lebens auszuloten Extremzustände in der zu wenigen oder zu vielen Liebe…an einen Menschen oder zum Kino.

François Truffaut wird am 6. Februar 1932 in Paris geboren. Der Vater war Technischer Zeichner, die Mutter Sekretärin. Er hasste die Schule und fühlte sich umso magischer vom Kino angezogen. “Meine ersten 200 Filme habe ich mir heimlich angesehen, sagte er später. “Im Schutz der Schule, die ich schwänzte. Indem ich mir durch den Notausgang oder Toilettenfenster der Kinos freien Eintritt verschaffte. Oder indem ich die Abwesenheit meiner Eltern ausnutzte. Ich bezahlte dieses große Vergnügen mit argen Bauchschmerzen, Magendrücken, Angst im Kopf und Schuldgefühlen die die von dem Schauspiel ausgelösten Gefühlsbewegungen natürlich nur noch mehr steigerten“. Im Gegensatz zu seinen damaligen Altersgenossen, die sich lieber zu den Helden der Historienfilme und Western hingezogen fühlten, identifizierte sich der junge Truffaut viel lieber mit den filmischen Außenseitern, mit den “Zukurzgekommenen, die in Schwierigkeiten sind“.

Mit 14 verlässt er gegen den Willen der Eltern die Schule. Gelegenheitsarbeiten finanzieren ihm seine häufigen Kinobesuche. Für kurze Zeit landet er in einem Erziehungsheim, danach gründet er einen Arbeiter-Filmclub. 1950 lernt Truffaut Andre Bazin kennen. Bazin ist der führende Kopf der französischen Filmkritik und Mit-Herausgeber der Zeitschrift “Cahiers du Cinema“. 1951 wird Truffaut zum Militärdienst einberufen. Ende 1952 wird er dort unehrenhaft entlassen. Bazin verschafft ihm eine Stelle in der Filmabteilung des Landwirtschaftsministeriums. Nachdem er dort rausfliegt, wird er Filmkritiker und arbeitet u.a. für die “Cahiers du Cinema“. Um ihn herum tummeln sich junge, unbekannte Kollegen wie Claude Chabrol, Jacques Rivette. Eric Rohmer oder Jean-Luc Godard. François
Truffaut wird durch kritische Artikel über den desolaten Zustand des französischen Films bekannt. Er wird Mitarbeiter bei Roberto Rossellini, einem ebenso berühmten wie damals umstrittenen italienischer Filmemacher. Zwischen 1955 und 1958 entstehen 3 erste eigene Kurzfilme.

1958 wird François Truffaut wegen seiner kritischen Festival- Berichterstattung die Akkreditierung bei den Filmfestspielen von Cannes verweigert. Ein Jahr darauf ist er dort mit seinem ersten eigenen Spielfilm vertreten – “Sie küßten und sie schlugen ihn“ – und erhält den “Großen Preis“ als “bester Regisseur“. Die “Nouvelle Vague“, die “Neue Welle“, bricht im französischen Kino aus. Ihre ersten Vertreter, neben
Truffaut: Chabrol, Rivette, Godard. Mit “Sie küßten und sie schlugen ihn“ beginnt Truffaut aber auch, über die Figur des Antoine Doinel, dargestellt von Jean-Pierre Leaud, seine eigenen Erfahrungen als Kind, Jugendlicher und Erwachsener aufzuarbeiten. 5mal wird Doinel in den nächsten 12 Jahren auf der Leinwand erscheinen, zuletzt 1970 in dem Film “Tisch und Bett“. Während Jean-Pierre Leaud zu seinem Lieblingsschüler/Lieblingsschauspieler wird, den er väterlich betreut.

Insgesamt 21 Spielfilme wird François Truffaut bis zu seinem Tod am 21. Oktober 1984 im Alter von nur 52 Jahren gedreht haben. Darunter befinden sich Meisterwerke wie “Schießen Sie auf den Pianisten“, “Jules und Jim“, “Fahrenheit 45l“, “Die amerikanische Nacht“, “Der Mann, der die Frauen liebte“, “Die letzte Metro“ sowie, sein letzter Film, “Auf Leben und Tod“. “Nebenbei“ arbeitete Truffaut auch als Journalist weiter. 1966 erscheint sein 50stündiges Gespräch mit Alfred Hitchcock als Buch. Seitdem zählt “Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ zu den Standard-Werken internationaler Film-Literatur. Außerdem tritt Truffaut gerne auch als Schauspieler auf. Zumeist in seinen eigenen Filmen, wie als Regisseur in “Die amerikanische Nacht“‚ aber 1977 auch bei Steven Spielbergs dramatischem Ufo-Abenteuer “Unheimliche Begegnung der 3. Art“.

François Truffaut: Sein Leben war die Liebe zum Kino. Infolgedessen hat er sein Vermächtnis bereits 1973 in dem “Oscar“-preisgekrönten Werk “Die amerikanische Nacht“ hinterlassen. Dort beschreibt er die Angst und die Freude des Künstlers an der Kunst und vor dem Leben.