DIE VERFÜHRTEN

„DIE VERFÜHRTEN“ von Sofia Coppola (B, Co-Prod. + R; nach dem Roman „A Painted Devil“ von Thomas P. Cullinan/1966; USA 2016; K: Philippe Le Sourd; M: Phoenix; 94 Minuten); wir kennen den Film, aus einer gänzlich anderen Sicht: 1971 kam die Adaption eines Romans des amerikanischen Schriftstellers Thomas P. Cullinan in den USA unter dem Titel „The Beguiled“ („Der Täuscher“) und hierzulande unter dem Titel „Betrogen“ ins Kino. Regie: Don Siegel; Hauptdarsteller: Clint Eastwood. Damals hätte der heutige deutsche Titel besser gepasst, während heute das Remake eigentlich „Der Verführte“ heißen müsste. Lenkte damals, beim Kerle-Spielleiter Don Siegel („Der Tod eines Killers“; „Dirty Harry“), ein Macho die erotischen Fäden und bestimmte die Eskapaden, sind es bei Sofia Coppola („Lost in Translation“/“Oscar“ 2003 für ihr Originaldrehbuch; „Somewhere“ 2010/“Goldener Löwe von Venedig“) die Mädels, die das Bestimmen ausüben. Die Geschichte ist ausgangs dort und hier dieselbe.

Draußen, vor den Toren und hinter dem Wald eines Mädchenpensionats in Virginia, tobt anno 1864 seit drei Jahren der US-Bürgerkrieg. Drinnen, in dieser abgeschotteten Welt, leben Frauen und Mädchen unterschiedlichsten Alters, denen Nähen, die französische Sprache und „gutes Benehmen“ beigebracht wird. Angeführt wird dieses Internat in dem großzügigen Gebäude von Martha Farnsworth (NICOLE KIDMAN), die mit streng-religiöser Chefinnen-Hand, gemeinsam mit der Lehrerin Edwina Dabney (KIRSTEN DUNST), fünf jungen Frauen zwischen acht und achtzehn Jahren Sittlichkeit und Anstand verordnen und ihnen dafür Schutz bietet. In diesen Zeiten ein behütetes Leben führen zu dürfen, ist ein Privileg. Gehorsam gilt demzufolge für die Schülerinnen als oberste Priorität. Dies ändert sich, als die 12jährige Amy im Wald den verwundeten Nordstaaten-Corporal John McBurney (COLIN FARRELL) entdeckt und mitnimmt. Obwohl ein Nordstaatler unverzüglich den einheimischen Soldaten ausgeliefert werden müsste, nehmen sich Martha und Edwina des Verletzten an, verstecken ihn und pflegen ihn aufopfernd. Doch ab diesem Moment ist es mit der so gepriesenen Sittlichkeit-hier passé. Motto: Die Hormone beginnen sich bei sämtlichen Beteiligten steigernd „zu bewegen“. Mitten drin: der „arme Mann“, John, der eigentlich nur gesund werden und nicht mehr in den Krieg ziehen möchte und sich „anstecken“, überrumpeln, verführen lässt.

SOFIA COPPOLA setzt auf ironische Bewegungen, Gesten wie Blicke; kann mit prunkenen Bildern (des exzellenten Kameramannes PHILIPPE LE SOURD/“Oscar“-Nominierung 2013 für „The Grandmaster“ von Wong Kar-Wai) beeindrucken;  während die musikalische Intensität der Independent-Band „Phoenix“ (= der dortige Sänger Thomas Mars ist ihr Lebenspartner) und die „zu merkenden“ Geräusche des Sound-Designers Richard Beggs mit „bedeutungsvollem“ Zirpen von Zikaden oder dem fernen Kanonendonner für eine unheilvolle (An-)Spannung  sorgen. Der ganze feine Film ist eine einzige poröse Gedanken- und Seelen-Berührung in dem listigen Duell der Geschlechter. Nur dass diesmal der sonst so siegesgewisse Mann von Anfang an gar keine Chance hat gegenüber diesen zunehmend „aufdrehenden“ Enthemmten. Clint Eastwoods Nachfahre jedenfalls wird 2017 regelrecht feminin-platt gemacht.

In Cannes, beim Mai-Festival, bekam Sofia Coppola (als erst zweite Frau überhaupt) den „Regie-Preis“ zugesprochen. Verdientermaßen, schafft sie es doch mit ihrem intensiven Gefühlsbeben sowohl virtuosen Schauer prickelnd zu  verbreiten wie schwarzkomische Pulp-Thriller-Kost sensibel zu servieren. Zu vereinen. Dazu hat sie das Format, dieses fast nur mit „weiblichen Häuptlingen“ besetzte Star-Ensemble – ELLE FANNING als Alicia hinzurechnend – in beachtliche Wallung zu versetzen. Während ganz Oben natürlich die einmal mehr furiose NICOLE KIDMAN lustvoll thront. „Ich befinde mich in einer Lebensphase, in der ich versuche, mich so frei zu entscheiden, als wäre ich 21 und würde meine Karriere gerade erst starten“, äußerte sich die Gerade-50 gewordene in Cannes (aus dem Titel-Artikel im neuen „epd Film-Magazin“/7-17). Mit anderen Worten: Ich bin sehr gut drauf und von mir könnt ihr noch einiges erwarten. Hier jedenfalls, in „Die Verführten“, ist sie einmal mehr hinreißend-tückisch- brillant: als phantastisches Leinwand-Juwel (= 4 PÖNIs).