DETROIT

„DETROIT“ von Kathryn Bigelow (Co-Prod. + R; USA 2016; B: Mark Boal; K: Barry Ackroyd; M: James Newton Howard; 143 Minuten); SIE ist eine von wenigen weiblichen Action-Regisseurinnen; KRIEG ist ihr filmisches Dauer-Thema: die zweifache „Oscar“-Preisträgerin KATHRYN BIGELOW; Jahrgang 1951. Mit ihren letzten beiden Filmen „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ (6 „Oscars“, darunter für: „Bester Film“ und „Beste Regie“/2010) und „Zero Dark Thirty“ (s. Kino-KRITIK/2013/5 „Oscar“-Nominierungen) schilderte sie „Auslands-Erlebnisse“ von amerikanischen Soldaten im Irak und Pakistan, jetzt widmet sie sich historisch fürchterlichen Ereignissen, die sich vor einem halben Jahrhundert in Detroit abspielten, der Großstadt im Südosten des US-Bundesstaates Michigan, und die bis in die heutige (Rassismus-)USA-Zeit reichen.

Eingangs: Ein Prolog mit den Gemälden der „Migration Series“ des im Jahr 2000 verstorbenen afroamerikanischen Künstlers Jacob Lawrence; sie zeigen Unterdrückung, Armut und gesellschaftliche Ghettobildung; sie verdeutlichen, sie bedeuten das Anstauen der afroamerikanischen Wut von wegen Ungerechtigkeiten und Diskriminierung; sie verweisen auf den über Jahrhunderte sich ausbreitenden wie dann festgefügten Rassismus im Land. Ein Zustandsbericht über Zeit und Ort: Die Industriemetropole Detroit im Jahr 1967. Am 23. Juli führt die örtliche Polizei – reichlich „ungeschickt“ – eine Razzia durch, in einer für Alkoholausschank nicht lizenzierten Bar. Die hitzigen Folgen: Zunehmende Unruhen „drinnen“ wie vor allem „draußen“; die schwarze Bevölkerung fühlt sich von den weißen Ordnungshütern schikaniert; immer mehr gehen aufgebrachte Zivilisten gegen überforderte Polizisten vor. Gegenstände, Brandsätze fliegen durch die Luft, Plünderungen nehmen zu. Der Beginn eines fünf Tage andauernden „Kriegs“ mit dann 7000 Verhafteten, 1189 Verletzten und 43 Todesopfern, darunter ein vierjähriges Mädchen, das von einem Polizisten mit einem Scharfschützen verwechselt wurde. Längst hatte der Präsident die Nationalgarde gen Detroit beordert.

Drei weiße Polizisten geraten sogleich in den Bilder-Fokus. Die Beamten Krauss (ekelhaft-gut: WILL POULTER), ein Hitzkopf, der gerade einen unbewaffneten Plünderer von hinten in den Rücken schoss und tötete und dennoch weiter „Dienst“ machen darf und soll, sowie Flynn (BEN O’TOOLE) und Demens (JACK REYNOR); allesamt ebenso unerfahren wie ihre Ängstlichkeit kaschierend durch besonders „intensive“ polizeiliche „Alpha-Auftritte“. Die schließlich in der Nacht vom vom 25. zum 26. Juli eskalieren. Auslöser: Ein frustrierter schwarzer Angeber-Boy schießt „im Übermut“ mit einer Spielzeugpistole aus dem Fenster eines Motels. Polizei und Nationalgardisten glauben, angegriffen zu werden. Rücken in das Motel ein. Dabei an vorderster Front: die drei weißen Beamten, mit Krauss als Anführer, der – so scheint es jedenfalls – die Chance genießt, jetzt „richtig“ auf den rassistischen, gemeinen, verletzenden Prügel-Putz hauen zu dürfen. Zu können. Fünf junge farbige Männer und zwei weiße Studentinnen aus Ohio werden im Parterre-Korridor über endlose Stunden hinweg – buchstäblich – an die Wand „befestigt“. Sollen sagen, wo die Waffe ist, mit der geschossen wurde. Am Ende sind drei Menschen tot, durch Polizeikugeln hingerichtet. Der darauffolgende spätere Prozess – mit nur weißen Geschworenen und einem weißen Richter – ist ein Rechts-Witz.

Das alles ist passiert. „Wir müssen uns empören“, sagt die Co-Produzentin und Regisseurin Kathryn Bigelow im „Stern“-Interview (vom 16.11.17). Und: „Unsere Aufgabe ist es, einen Spiegel hochzuhalten“. Denn: Amerika ist „ein  gespaltenes Land mit einem nach wie vor hohen Grad an Rassismus. Es ist kein schönes Bild“. Kathryn Bigelow bezieht sich dabei auf die vielen „Vorkommnisse“ in den letzten Wochen und Monaten und Jahren, bei denen unbewaffnete afroamerikanische USA-Bürger von weißen Polizeibeamten getötet wurden. Zum Beispiel in Charlottesville. „Stern“-Interviewer Michael Streck: „Nach FBI-Angaben werden pro Woche mindestens zwei Schwarze von weißen Polizisten getötet. Unbewaffnete Schwarze sind, statistisch betrachtet, mehr als dreimal stärker gefährdet von der Polizei erschossen zu werden, als Weiße“.

„Es kommt einem vor, als sei das alles erst gestern passiert, oder morgen“ (K. Bigelow im Interview mit „Indiekino Berlin“/Ausgabe November): Der Film ist aufwühlend; im besten Sinne „verrückt machend“ im Moral-Kopf; verstörend; dicht und packend; außerordentlich spannend mit seiner „nahen Kamera“, dicht am widerwärtigen Dauer-Geschehen. Eine thrillerhafte Psycho-Studie von der „Bestie Mensch“ in Uniform; voller gestriger Paranoia, die böse nach dem hysterischen Heute schmeckt, wo ein weißer Psychopath und Rassist im Weißen Haus Aufnahme und Platz gefunden hat. Kathryn Bigelow sei Dank: Ihr Film „Detroit“ erschüttert genauso prächtig wie es einst die provokanten Oliver Stone-Kino-Werke taten (= 4 1/2 PÖNIs).