DER ELEKTRISCHE REITER

„DER ELEKTRISCHE REITER“ von Sydney Pollack (USA 1978/1979; B: Robert Garland; K: Owen Roizman; M: Dave Grusin; Songs: Willie Nelson; 121 Minuten; BRD-Kinostart: 3.4.1980; aktuelle Heimkino-VÖ: 10.8.2017); wenn es darum geht, welcher Filmemacher zählt mit zu den Besten der Besten, darf sein Name nie fehlen: SYDNEY POLLACK (1.7.1934 – 26.5.2008). Oberflächlich betrachtet geht es in seinen Filmen um zumeist um gefühlvoll erzählte, meist tragisch verlaufende Liebesgeschichten. Hinter diesen emotionalen Motiven und schicksalhaften Geschichten aber beobachtet der in Brooklyn aufgewachsene Produzent, Schauspieler und vor allem Regisseur immer auch kritisch „sein Land“: Amerika. Sydney Pollack war ein liberaler Streiter und grandioser, spannender Erzähler. Der 1969 entstandene 6. Kinofilm von ihm – „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß“ (s. Kino-KRITIK) – , für den er eine „Oscar“-Nominierung bekam, ist ein emotionaler wie politischer Meilenstein innerhalb der Filmgeschichte und in meiner Bestenliste immer vertreten. Danach schuf er den brillanten Western „Jeremiah Johnson“ (mit Robert Redford), für den er die „Goldene Palme“ von Cannes zugesprochen bekam. Der in der Watergate-Ära gedrehte Thriller „Die drei Tage des Condor“ (mit Robert Redford) zählt heute zu den bedeutendsten New Hollywood-Polit-Filmen aus der Ära der Siebziger. Weitere herausragende Werke von Sydney Pollack sind „Tootsie“ (1982/mit Dustin Hoffman), natürlich „Jenseits von Afrika“ (mit Meryl Streep und Robert Redford), für den er sowohl den „Oscar“ als auch in Frankreich den „César“ erhielt. Seinen letzten Auftritt als Schauspieler hatte Sydney Pollack in dem phänomenalen politischen Spannungs-Drama „Michael Clayton“ (mit George Clooney in der Titelrolle), einem Meisterwerk, für das er 2008 – kurz vor seinem Tod – mit einer „Oscar“-Nominierung als Produzent des Films belobigt wurde.

Ende der Siebziger Jahre inszenierte Sydney Pollack – mit seinem Lieblingsschauspieler ROBERT REDFORD in der Hauptrolle – den längst nicht so bekannten und dabei doch exzellenten und überhaupt nicht gealterten Neo-Polit-Western „DER ELEKTRISCHE REITER“, den jetzt das deutsche Heimkino für sich entdeckt hat und, mit interessantem Bonusmaterial bestückt, gerade herausbringt. Redford spielt Norman Steele, genannt „Sonny“. Nachdem er fünfmal die Rodeo-Weltmeisterschaft gewonnen hatte, war Schluss mit lustig. Durch die vielen Verletzungen und Knochenbrüche kann er bei Wettbewerben nicht mehr antreten; die Schmerzen überbrückt er durch Alkohol. Sonny hat sich an einen Konzern verkauft und macht Werbung für Frühstücksflocken. Dabei trägt er eine mit zahlreichen Glühlampen versehene lächerliche Cowboy-Kluft. Als der Konzern, der sowieso nur an seinem (noch) werbeträchtigen Image und weniger an seiner Person interessiert ist, ein berühmtes Pferd für eine Las Vegas-Show erwirbt und dieses durch Drogen misshandelt, drehen bei Sonny die inneren Glühbirnen durch: kurzerhand klaut er den teuren Hengst „Rising Star“ und verschwindet mit ihm in die Wüste. Will ihm dort eine Herde suchen und ihn freilassen. Der Konzern lässt ihn verfolgen und will auf gar keinen Fall, dass herauskommt, wie man dieses edle Tier behandelt hat. Doch die Medien haben „Lunte“ gerochen und die Öffentlichkeit nimmt mehr und mehr Anteil an diesem „außergewöhnlichen“ Ereignis.  Stellt sich natürlich auf die Seite dieses Zivilisations-Cowboys, der es mit „gesellschaftlichen Dollar-Giganten“ aufgenommen hat. Was nicht zuletzt an der Berichterstattung der engagierten TV-Reporterin Alice „Hallie“ Martin (JANE FONDA) liegt, die eine sensationelle Story wittert, Sonny aufspürt, begleitet und berichtet. Sonny wird zum Mythos: Zum Volks-Helden. Der offensichtlich wie gerade-tatsächlich es „der Obrigkeit“ zeigt, was eine proletarische Harke ist. Sein kann. Auszurichten vermag. Unterwegs gibt es für den couragierten Sonny jedenfalls viel (Volks-)Solidarität. (Mit dabei, in seinem Film-Debüt: Country-Star Willie Nelson, der auch einige Songs zum Soundtrack beisteuert). Was Konzern-Boss Hunt Sears (JOHN SAXON) auf die mächtige Palme bringt. Fangt diesen Drecksack und bringt mir „den 12 Millionen Dollar-Gaul“ zurück, lautet unmissverständlich sein Befehl. Egal, wie und was es kostet. Das Duell der Ungleichen ist in vollem Spannungs-Gange.

Die schmucke Post- beziehungsweise  Neo-Western-Ballade „The Electric Horseman“ bereitet viel Seh-Vergnügen, weil die ewige „amerikanische“ Konfrontation zwischen resoluter Unterschicht und hässlicher Kapital-Oberschicht außerordentlich süffisant-hinterfotzig wie provokant aufgerollt wird. Mit exzellent spielenden und – wie im wirklichen Leben auch – engagierten Promi-Aktivisten-Akteuren an der Rampe, die sichtlich viel Spaß an dieser vorzüglichen „ideologischen“ Auseinandersetzung haben. Motto: Weites Land gegen industrialisierte Enge, hemmungslose Einengung und Kommerz-Bevormundung gegen liberale Luft-Hoheit; faszinierend-emotional zwischen ekligem Glamour und grandioser Natur eingefangen und ausgetragen.

Damals hatten die Schwächeren noch eine gute solidarische Chance, kann man aus heutiger Sicht von diesem großartigen, in jeder Hin-Sicht „jung“ gebliebenen Unterhaltungs-Vorgestern-Film „mitnehmen“; heute  haben wir es – in den USA – mit einem unberechenbaren psychotischen „Entscheider“ zu tun, und kein sich dagegen auflehnender „Sonny“ ist in wahrer Rebellen-Sicht. Wäre dabei höchst willkommen.

Was für eine wunderbare und brand-aktuelle US-Film-Juwel-Entdeckung: „DER ELEKTRISCHE REITER“ hinterlässt beeindruckende Spaß- und Polit-Spuren (= 4 1/2 PÖNIs).