DAS UNERWARTETE GLÜCK DER FAMILIE PAYAN

„DAS UNERWARTETE GLÜCK DER FAMILIE PAYAN“ von Nadége Loiseau (Co-B + R; Fr 2015; Co-B: Fanny Burdino; Mazarine Pingeot; K: Julien Roux; M: Guillaume Loiseau; 99 Minuten); SIE gehört in Frankreich mit in die Spitzengruppe der weiblichen Kino-Asse: Die 50jährige Charakter-Darstellerin KARIN VIARD, zuletzt auch bei uns in „Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste“ und in „Verstehen Sie die Béliers?“ zu sehen gewesen. 1990 wurde sie (auch bei uns) „klein“ entdeckt, als sie in einer Nebenrolle in Étienne Chattiliez‘ Komödie „Tante Daniel“ in der Rolle der Agatha auffiel; während sie größere Bekanntheit ein Jahr darauf als wohlgenährte Mätresse eines kannibalischen Metzgers in „Delicatessen“ von Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro erreichte.

Hier mimt sie Nicole Payan, das 49jährige Oberhaupt einer kleinbürgerlichen Pariser Familie. „Oberhaupt“ trifft es, denn sie ist quasi – neben ihrem Job als als Kassiererin bei einer Mautstelle – für alle und alles (einschließlich des Familien-Einkommens) zuständig. Ihr Ehemann, Jean-Pierre, ist arbeitsscheu und faul, was das häusliche Engagement betrifft; ihre 34jährige Tochter Arielle gefällt es im Hotel Mama immer noch ganz bequem-ordentlich, während deren 6jährige Tochter Zoé mehr von Nicole als von ihrer Mutter versorgt wird. Und dann ist da noch die behinderte Mutter von Nicole, Oma Mamilette („César“-Preisträgerin HÉLÈNE LAURENT/“Das Leben ist ein langer ruhiger Fluß“), die es auch täglich zu umsorgen und zu versorgen geht. Und deren zunehmende Aussetzer den Alltagsstress mehr und mehr vergrößern.

Als Nicole wegen mutmaßlicher Wechseljahre-Beschwerden zum Arzt geht, lautet die umwerfende Diagnose: Schwangerschaft. Mit 49! Natürlich wird die Abtreibung in Holland erwogen, doch dann beschließt Nicole, das Kind haben zu wollen. Der „kleine Untermieter“ soll bleiben. Was bedeutet, dass sich „die Zuständigkeiten“ innerhalb der Familie Payan künftig völlig ändern. Werden. Müssen-müssen. Denn Nicole wird umgehend krank-geschrieben. Soll, darf, muss sich pflegen. Und ausruhen. Stress ist bei ihr ab sofort verboten; ist für sie untersagt. Weil schädlich. Was natürlich bei einzelnen Familienmitgliedern plus Anhang chaotische Folgeerscheinungen auslöst. Zum ersten Mal müssen sie DIE FAMILIE „organisieren“.

KARIN VIARD ist einmal mehr hinreißend; jugendlich wie in den Zwanzigern; eine dynamische Matriarchin, während das Ensemble um sie herum die präzisen Vorgaben für reichlich egoistisches, selbstsüchtiges Personal erfüllt. Der Debüt-Langfilm der ehemaligen Kurzfilmerin NADÉGE LOISAU, die hier ihren Kurzfilm „Le Loctaire“ von 2012 zu einem abendfüllenden Spielfilm erweitert/ausbaut, vermeidet bravourös Klamotte und trifft genüsslich die Balance zwischen listiger Emotionalität und pointiertem Real-Wahnsinn.  Amüsanter Familien-Tief und -Einblick (= 3 PÖNIs).