Das Schwein

FERNSEHKRITIK für „DeutschlandRadio Berlin/Ortszeit“ vom 23.03.1995

DAS SCHWEIN – EINE DEUTSCHE KARRIERE“ (am 19./21./22.3.1995 in SAT.1).

Der Titel erklärt bereits das Thema: „Das Schwein – Eine deutsche Karriere“. Autor: Karlheinz Willschrei. Der 56jährige zählt mit z.B. bislang 10 ARD-“Tatort“-Krimis und 20 ZDF-Folgen für die Krimi-Serie „Ein Fall für 2“ zu den produktivsten Autoren des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Regie: Ilse Hofmann. Die 46 jährige ehemalige Schülerin der Münchner Filmhochschule kam über die Assistenz bei Wolfgang Menges Satire-Hit „Ein Herz und eine Seele“ zum Fernsehen. Für den TV-Film „Die Welt in jenem Sommer“ bekam sie 1980 den „Adolf-Grimme-Preis“. Ilse Hofmann drehte einige Schimanski-Filme für die „Tatort“-Reihe und die komödiantischen „Schulz & Schulz“-Politfilme des ZDF, in denen Götz George als Ost/West-Bruderpaar auftrat. Mit ihm also stimmt „die Chemie“. Man kann zusammen, ist aufeinander eingespielt.

Schließlich GÖTZ GEORGE. Dem wurde bei seiner ersten Produktion für einen privaten TV-Sender der rote Gala-Teppich ausgefahren. Großes Budget, mehr Drehzeit als bei ARD und ZDF, ein sattes Honorar und absolute Kontrolle. Deshalb: Alles, aber auch absolut alles war und ist hier auf IHN zugeschnitten.

1954. Deutschland wird in Bern Fußball-Weltmeister. Gerhard Wendland ist in den Hitparaden mit „Das machen nur die Beine von Dolores“ vertretene Der aus bescheidenen Verhältnissen stammende 15jährige Stefan Stolze verkauft in der Schulklasse Englisch gegen Wurstbrot. Und preist bereits „seine Ideologie“: „Zum Geldverdienen musst du schlau sein – das lernst du nicht in der Schule. Im Gegenteil“, klärt er einen Kameraden auf. Und: „Die wollen uns beibringen, wie man anständig wird. Aber anständig ist das Gegenteil von schlau“ Sein Ziel hat er schon klar vor Augen: „Ich will reich sein und schöne Frauen ficken“! Der erste Teil dieses überlangen Films zieht sich hin. Mit immer neuen, aber dramaturgisch nicht unbedingt immer notwendigen Figuren und Episoden. Die jetzt schon unterstreichen sollen, mit wieviel krimineller Energie dieser Bub bereits ausgestattet ist und agiert. Rückschläge und Entdeckungen können ihn nicht aufhalten: Von denen profitiert er, indem er lernt, künftig noch listiger und gemeiner vorzugehen. Die Stefan Stolze begleitende Musik setzt die Zeit-Zeichen.

Als die Gruppe „McCoys“ 1964 „Hang On Sloopy“ singt, taucht er mit langen Kotletten, Haarmatte und rotem Sportwagen-Coupé auf. Und wieder ist dieses freundlich-tückische Lächeln auf seinen Lippen. Er betätigt sich als Hehler, landet im Knast, verpfeift seine Kumpels, kommt auf Bewährung raus. Als Immobilienmakler findet er sein erstes eigenes Gewerbe. Lernt eine naive, aber reiche Fabrikantentochter kennen, überrumpelt sie und beginnt nach der Heirat seinen Feldzug. Motto: Geld, Macht, Anerkennung. Vom Dieb zum Bundesverdienstkreuzträger. Götz George beginnt nun, alle Facetten seines riesigen Talents zu ziehen. Ob als Schlitzohr, Charmeur, Schleimer, Liebhaber, ob als Erpresser und Dauer-lügner: Stets findet er genau die richtige Bewegung, den passenden Ton. Er, immer wieder ER und nur ER. Er ist ständig dabei. Alle anderen sind und bleiben gute, aber pure Stichwortgeber. IHN gehört die Show.

3 x fast 2 Stunden: D i e Götz-George-Show. Er, der inzwischen jenseits der 50 ist, zeigt sich von bestechender Körperlichkeit. Er ist unglaublich fit und kann sich hier endlich einmal „voll“ austoben. Nichts vermag ihn aufzuhalten, alles ist – wie gesagt – auf IHN zugeschnitten. Er spielt mit blendender Kraft und Überzeugung diesen netten Widerling, der nur seiner maßlosen Gier nach „Oben“ folgt. Dabei skrupellos über Leichen geht, der intrigiert und zerstört, wenn es denn nur seinen egoistischen Interessen dient. „Der Obertan“ sozusagen, der sich durch 4 Jahrzehnte West- und Gesamtdeutschland mogelt, stiehlt, liebt und lügt. Ein deutscher Un-Moralist par exzellence, der selbst „die Politik“-hier bestimmt. Sie ist auch nur Mittel zum Zweck, ihn voranzutreiben. Deshalb ist „Das Schwein – Eine deutsche Karriere“ auch keineswegs als d i e gesellschaftskritische Sozialsatire zu verstehen, sondern eben nur, aber immerhin, als d i e Götz-George-Treppe. Er ist die Nr. 1 bei uns im großen Darsteller-Ensemble, aber das wussten wir ja vorher schon.

Es aber ab und an auch mal wieder voll vorgeführt zu bekommen, war „angenehm-böse“ und spannend und ansehnlich.