DAS IST UNSER LAND!

„DAS IST UNSER LAND!“ von Lucas Belvaux (Co-B + R; Fr/Belgien 2016; K: Pierric Gantelmi D´Ille; M: Frédéric Vercheval; 118 Minuten); was beneide ich die Franzosen, die – mit Belgien im Produktions-Schlepptau – eine politische Geschichte erzählen, die gut und gern auch für uns absolute Aktualität besitzt und Priorität haben sollte. Und neidisch macht. Warum, zum (Förderungs-)Deibel nochmal, ist niemand hierzulande mutig imstande, mal über seinen schlichten Film-Rand hinauszuschauen, um etwas ähnlich Themen-brennendes und -spannendes aus unseren Gefilden auf die große Kino-Leinwand diskutabel zu werfen? Jedenfalls: Die Franzosen beweisen mit diesem Polit-Thriller einmal mehr ihre Fähigkeit, sich auch in einem unterhaltsamen Spielfilm mit zutiefst brisanten Geschehnissen unserer Gegenwart kritisch auseinandersetzen zu können. Im Original heißt der Film von Lucas Belvaux übrigens „Chez nous“, also: „BEI UNS“.

Überall gehen die Rechten, „(zu) leicht“ benannt auch als „Die Rechtspopulisten“, in Stellung. Motto: Wie kann ich meine faschistische, reaktionäre = Menschen-verachtende Ideologie moderat unter die wählenden Leute streuen, ohne dass DIE merken, was eigentlich wirklich beabsichtigt ist, wenn sie uns wählen? Antwort: Ich muss mir ein „seriöses“, loyales, „normales“ Antlitz verpassen. Mit ansprechenden Klamotten. Anstatt Springer-Stiefel, Lackschuhe mit engagiertem Gehabe. Um verführerische, einfache patriotische Parolen auszustreuen. Mit denen doch „Verbesserungen“ bald schon möglich wären, liebe Wähler-Leute.

Wir befinden uns im strukturschwachen Norden von Frankreich. Pauline (ÉMILIE DEQUENNE), die Krankenschwester, muss mächtig „schubbern“, um ihre Familie – bestehend aus ihrem grummeligen kranken Vater, einen Alt-Kommunisten, und ihre beiden Kinder – alleine durchzubringen. Sie (be-)klagt sich nie, ist aufopferungsvoll unterwegs, wird von und in ihrer Umgebung sehr gemocht. Natürlich ist sie innerlich, wie so viele hier, von den zunehmend schlechter werdenden sozialen Verhältnissen und dieser regionalen Tristesse bedrückt. Angefressen. Eigentlich ist Pauline unpolitisch. Und reagiert vorsichtig ablehnend, als ihr Hausarzt sie genau „dafür“ zu interessieren versucht. Dr. Bethier (der einmal mehr vorzügliche ANDRÉ DUSSOLLIER), ein ehemaliger Europa-Abgeordneter, ist Mitglied der neuen Bewegung RNP, „Rassemblement National Populaire“, und berät deren energische Vorsitzende Agnés Dorgelle (CATHERINE JACOB). Man benötigt für die bevorstehende Bürgermeisterwahl in der Stadt eine unbescholtene, bekannte und „frische“ Kandidatin. Pauline passt vorzüglich in dieses Beute-Vorzeige-Schema. Und die Überredungskünste wirken tatsächlich: Pauline lässt sich ködern. Mit vielen, auch privaten (Beziehungs-)Folgen.

Den Spagat zu finden, eine Pauline nicht als naiv – dumm – schwach aufzustellen, sondern als ehrlich mitfühlende Mitbürgerin, die tatsächlich glaubt, sie können in ihrer – gemochten – Umgebung für bessere Verhältnisse und „Stimmungen“ sorgen, kriegt Co-Drehbuch-Autor und Regisseur LUCAS BELVAUX furios hin. ÉMILIE DEQUENNE befindet sich mit ihrer unaufgeregten, charismatisch wie emotional präsenten Pauline-Körpersprache auf dem Weg zur Isabelle Huppert-Klasse. Sie ist einfach eine intelligente Wucht. Während ANDRÉ DUSSOLLIER (unvergessen: „Drei Männer und ein  Baby“/1985;  neulich in „Diplomatie“ von Volker Schlöndorff überragend) den rechten Rattenfänger mit erlesener Überzeugungs-Tücke präsentiert. Natürlich ist klar und deutlich, wer und was vor allem hier gemeint ist: die gedankliche und körperliche Nähe zum rechten Zirkel einer Marie LePen vom „Front National“ drängt sich auf. Deren „feine“ verführerische Hass-Tiraden und extreme Gewaltbereitschaft verläuft parallel. Kein Wunder, dass die Rechten in Frankreich zum Kino-Start über diesen Film alles andere als erfreut waren und „mächtig tobten“.

LUCAS BELVAUX, 53, 2011 mit seinem vorzüglichen Spannungsfilm „Lösegeld“ bei uns (im Heim-Kino) aufgefallen (s. Heimkino-KRITIK), hat ein höchst spannenden Polit-Film geschaffen, der das Bauch- und Kopf-Prädikat „Geht uns alle an!“ und „Tut gedanklich GUT“ verdient (= 4 1/2 PÖNIs).