DAS ENDE IST ERST DER ANFANG

„DAS ENDE IST ERST DER ANFANG“ von Bouli Lanners (B + R; Belgien/Fr 2015; K: Jean-Paul de Zaeytijd; M: Pascal Humbert; 97 Minuten); im Mai 2009 kam ein Film in die Kinos, eine ebenfalls belgisch-französische Co-Produktion, die der Schauspieler, Drehbuch-Autor und Regisseur BOULI LANNERS realisiert hatte: „ELDORADO“, seitdem einer meiner persönlichen Lieblingsfilme (s. Kino-KRITIK). Jetzt stellt der demnächst, am 20. Mai, 52 Jahre alt werdende BOULI LANNERS, wieder als Drehbuch-Autor, Regisseur und Mit-Hauptdarsteller, seinen aktuellen Film vor, der beim vorjährigen Berlinale-„Panorama“ den „Preis der Ökumenischen Jury“ gewann. Es ist wieder eine intensive existenzialistische Western-Narretei, die in schäbigen Milieus spielt und mit stoischem Personal und „atmosphärischem Kaurismäki“ ausgestattet ist: So karg die Landschaften, so skurril sind die Leute und so lakonisch die Dialoge. So tiefgrau wie sich der Himmel hier zeigt, so entsprechend sind die Bewegungen der Menschen hier. Motto: Irgendwie müssen wir irgendwas machen, weil man ja „irgendwas“ machen muss, solange man lebt. Also.

Der Originaltitel lautet: „Les Premiers, Les Derniers“, frei nach dem Bibelwort von Letzten, die nach vorne gehören. Zu den Ersten. Sie wollen gar nicht an die Spitze, nur irgendwie „noch eine Sache“ erledigen. Bevor, wie sie glauben, diese Welt sowieso untergeht: Willy (DAVID MURGIA) und Esther (was für ein starkes armes Gesicht: AURORE BROUTIN), zwei verwahrloste Streuner, aus dem Heim ausgebüxt, weil sie noch einmal ihr Kind sehen möchte. Sie klauen sich das zusammen, was sie benötigen, darunter auch ein Handy. Das gehört einem Gangster-Boss. Auf dem Handy befindet sich belastendes Material. Um es wieder zu bekommen, werden die beiden Oldie-Outlaws Cochise (ALBERT DUPONTEL) und Gilou (BOULI LANNERS) damit beauftragt. Ohne in Gänze motiviert zu sein, begeben sie sich mit ihrem Auto auf die Straßen. Ein Peilsender weist ihnen zeitweise den Weg. Der gekreuzt ist von „seltsamen“ Begegnungen und Ereignissen. Und mit „sonderlichen“ Menschen. Wie einem Obdachlosen namens Jesus (PHILIPPE REBBOT), der auch wenig gut drauf ist („…da bemüht man sich“, klagt er in der Kirche; „ich tu ja, was ich kann“). Um dann auch schon mal mit der Pistole „zu argumentieren“. Und Willy & Esther zu helfen, sich wieder zu finden.

Wohin geht die Reise? Ist das weltliche Ende tatsächlich die nächste Station? Der kleine Terrier von Gilou sorgt hier und da für etwas Wärme. MAX VON SYDOW, der alte Kauz, ist ein galanter Bestatter, der für eine skelettierte Leiche die letzten guten Worte findet. Während Provinz-Gangster sich aushusten und auf „richtige Profis“ treffen (wir erinnern uns: an den wütenden Handy-Verlierer-Besitzer). Und ein alter, wie Nick Nolte aussehender Hotel-Manager, gespielt von MICHAEL LONSDALE/einst der ermittelnde Polizist im 1973er Klassiker „Der Schakal“ von Fred Zinnemann, die Losung verkündet: „Weil das Leben mehr ist als einfach nur zu atmen“.

Dazu diese lakonischen Gitarren-Klänge. Wie in einem Neon-Western. Nur ohne Sheriff. Sondern mit lauter „Unteren“ wie eben jenen „Penner“-Jesus, der selbst ohne erkennbaren „Beistand von Oben“, ohne Wunder-Verbreitung und auch ohne Anhänger durch diese düsteren Zeiten stakst. Was für ein windiger Spannungs-Coup: Vorteil suchend für die Habenichtse, die Verlierer, die kaum Beachteten. Die Wartenden.

Ein phantastischer freier Radikaler ist dieses Road Movie von und mit BOULI LANNERS, der schon mal die sinnlich-atmosphärischen Brücken zitiert eines „absurden“ Samuel Beckett über den lakonisch-sarkastischen Jim Jarmusch bis hin zum mitleidig-grübelnden Glaubens-Gewissen eines Ingmar Bergman. Wer in diesen Blockbuster-Brüll-Kino-Tagen („Fast & Furious 8“; „Galaxy 2“) mal auf Cinemascope-Kino der faszinierenden Spiel- und Denk-Art Lust und Laune hat, findet hier Empfindungs-Kost der exzellent-besonderen Güte (= 4 1/2  PÖNIs).