Claude Miller

TIP-Interview mit CLAUDE MILLER im September 1986 anlässlich der bevorstehenden deutschen Premiere seines Films „Das freche Mädchen“ (s. Kino-KRITIK)

TIP: Ich habe mir ein Konzept gemacht, ich will versuchen, es durchzuhalten.
Die erste Frage ist ein bisschen provokativ. Ich möchte Sie fragen, wie ein Vierundvierzigjähriger heute dazu kommt, einen Film über eine Dreizehnjährige zu drehen, und wieso er glaubt, sich in die Geschicke und die Emotionen eines so jungen Wesens hineinzuversetzen zu können?

Miller: Ein Impuls, der erste Impuls, der mich veranlasst ‚ einen Film zu drehen, ist einfach Neugier. Irgendwelche Themen, die mich interessieren, die ich nicht gut kenne, das reizt mich, einen Film zu machen. Immer vorausgesetzt, dass ich mich auskenne, die Gebiete auf denen ich mich auskenne, die reizen mich einfach nicht.
Ich vergleiche mich ein bisschen mit einem Geographen, der eine Karte vor sich hat und sucht, und wenn er irgendwo eine unerforschte Insel entdeckt, geht er mit Sicherheit dahin.

TIP: Dann interessiert es mich natürlich zu erfahren, da Sie sagen, die Gebiete, die Sie kennen, interessieren Sie nicht. In welchen Gebieten kennen Sie sich aus?

Miller: Was das sich Auskennen angeht, meine ich natürlich, wie bei jedem anderen Menschen auch, ich interessiere mich für Politik, für das Tagesgeschehen, alles was mich umgibt. Ich möchte in erster Linie vermeiden, einen Film zu drehen, der den Eindruck erweckt, eine Lektion zu. erteilen. So und so verhält man sich in diesem Zusammenhang. Für mich ist Kino- und Filmemachen in erster Linie eine Möglichkeit, die Phantasie spielen zu lassen, Träume zu verwirklichen.

TIP: Kennen Sie die Filme über die jungen Leute, die im Augenblick im Kino populär sind. wie z.b. in Deutschland “Eis am Stiel“ oder in Amerika “Porky“, Was sagen Sie dazu?

Miller: Der große Unterschied zwischen dem Film, den ich jetzt gemacht habe, und den amerikanischen Filmen, ist, dass die von ganz anderen Voraussetzungen ausgehen. Die amerikanischen Filme, wie „Porky“ habe ich nicht gesehen, diese Jugendfilme werden nicht mit der Absicht gedreht, eine bestimmte Realität wiederzugeben, sondern man studiert vorher, man analysiert die Bedürfnisse und die Interessen der Jugendlichen, die den Film sehen sollen und danach wird gedreht.

TIP: Das sind also Computerfilme, Animationsfilme, kommerzielle Filme.

Miller: Ich finde da meine Haltung doch ein bisschen verantwortungsbewusster und auch gleichzeitig egoistisch, weil ich eben das mache, wozu ich Lust habe.

TIP: Ist denn Ihre Haltung total so, dass sie der Realität entspricht, weil Sie sagen, diese anderen Filme seien nicht realistisch, inwieweit ist denn Ihr Film realistisch? Ist er total realistisch, ist er möglicherweise authentisch, kennen Sie Personen dieser Art oder ist er nicht doch im Grunde eine Fiktion.

Miller: Die Antwort liegt beim Publikum, ob es nun den Film vollkommen für eine Phantasieprodukt hält oder teils realistisch. Ich hatte die Absicht, Wirklichkeit und Phantasie zu verbinden. Es sind Elemente drin, die mir selbst oder meiner Frau in unserer Jugend passiert sind und ein Gutteil eben auch Phantasie. Ich versuche mich hineinzuversetzen, wie könnte ein Kind in dem Alter denken.

TIP: Ist es Zufall das derzeit junge und ganz junge Mädchen im französischen Kino so groß herauskommen. Beispiel: Sandrine Bonnaire in “Vogelfrei“ von Agnès Varda, Charlotte Vandrey in “Rote Küsse“ und jetzt die Charlotte Gainsbourg in Ihrem Film. Sehr junge Frauen, die in Frankreich sehr populär, sehr groß werden, die auch sehr gut auf der Leinwand sind. Handelt es sich um einen Zufall oder woran liegt das?

Miller: Es ist außerordentlich schwierig zu sagen, warum das so ist. Ich habe auch festgestellt, dass diese Filme sehr populär geworden sind. Es könnte daran liegen, dass Mädchen länger in die Pubertät bleiben als Jungen. Jungen finden sich vielleicht schneller wieder in der Welt des Alltags, im Erwachsenensein, dass diese Phase, die ich auch in meinem Film behandele, beim Mädchen länger dauert und länger Gelegenheit gibt darauf einzugehen.

TIP: Warum glauben Sie ist dieses Thema für das Publikum derzeit so interessant, in Frankreich oder in Europa?

Miller: Das Interesse am Leben der Jugendlichen, jetzt nicht unbedingt an jungen Frauen, sondern an Jugendlichen, ist ganz klar, liegt daran, dass statistisch gesehen, schon mal mehr als die Hälfte der Kinobesucher Jugendliche sind und das gibt dann die Mund zu Mund Propaganda, das ist eine Sache. Einen richtigen Grund wüsste ich auch nicht, aber ich gebe zu bedenken, dass die beiden Regisseure von “Rouge Baiser“ und “Vogelfrei“ auch Frauen sind.

TIP: Ist die Tatsache, dass die Mehrzahl der Kinogänger heute junge Leute sind, für Sie ausschlaggebend dafür, einen Film über junge
Leute zu machen?

Miller: Nein, das ist kein Grund gewesen. Es ist etwas, was mich immer interessiert, die Frage: Was bleibt beim Erwachsenen vom Kind noch übrig, und das kann man in allen Filmen, z.B. auch im Krimi, “Das Verhör“ wiederfinden. Das große Interesse der Jugendlichen hat natürlich auch wieder Auswirkungen auf die finanziellen Zuwendungen der verschiedenen Stellen und das wiederum erleichtert die Produktion eines neuen Filmes.

TIP: Aber es ist für Sie nicht ausschlaggebend, einen Film zu drehen?

Miller: Nein, ich vergleiche mein Filmemachen eigentlich immer mit einer Liebesgeschichte. Ich denke an einen Film, an ein Thema, ich will das machen und denke vorher nicht, wird es schwierig sein, wird es dem Publikum gefallen, genauso wenig wie ich daran denken würde, wenn ich ein Mädchen kennenlerne, ob wir beide mal zusammen leben werden oder genug Geld haben.

TIP: Journalisten packen Regisseure gerne in eine bestimmte Schublade, um sie beruflich identifizieren zu. können. Mir fällt es angesichts Ihrer fünf Filme sehr schwer, ich würde gerne wissen, wer Sie sind im Grunde und wonach richtet sich Ihre Arbeit vor allem aus?

Miller: Die treibende Kraft sind eigentlich immer Wünsche und Begehren, Begehren in dem Sinne, dass die Empfindungen vergleiche, die ich den Personen, die ich in dem Film zeigen will, den ganzen Elementen gegenüber empfinde, die sind halt eben so tief, so stark, wie bei einer Liebesaffäre. Es hat bei meinen Filmen nichts mit Logik zu tun, dass ich etwas sage, das Thema greife ich an und werde daraus die und die Geschichte machen, um zu zeigen, wie man es macht. Es ist mehr wie bei einem Maler, der sagt, die und die Farben gefallen ihm und was daraus wird, das wird man hinterher sehen.

TIP: Wie entstehen die Ideen zu Ihren Filmen? Woher nehmen Sie sie?

Miller: Ds sind in erster Linie wieder persönliche Gefühle, Dinge in der Umgebung, die mich stark ansprechen und die ich dann in einem Film ausbaue. Die Anregungen können aus der Musik kommen, aus der Literatur, Malerei, Ich bin wie ein Schwamm, irgendwelche Anregungen, die von außen kommen und die dann aufgesogen werden.

TIP: Können diese Anregungen auch aus der Politik kommen?

Miller: Filmemachen ist für mich eine persönliche Erfahrung, ich orientiere mich nicht unbedingt daran, ob es dem Publikum gefällt, ich möchte irgendetwas verwirklichen und für mich ist Filmemachen ein sehr egoistischer Ablauf, und im Privatleben interessiere ich mich für Politik, aber ich halte mich nicht für besonders talentiert, um über Politik einen Film zu drehen.

TIP: Können Sie sich Ihre Regiearbeit völlig frei aussuchen oder sind Sie finanziell z.B. auf Auftragsproduktionen angewiesen. Das heißt, ich will fragen, sind Sie frei in Ihren Entscheidungen, was Sie machen oder sind Sie in der Regel abhängig von Angeboten?

Miller: Die Freiheit oder nicht Freiheit Filme zu machen, hängt natürlich im hohen Grade davon ab, wie erfolgreich der erste war und der erste Film, “Unser Weg ist der beste“, war im Fernsehen und der war gleich so ein Erfolg, dass hat es mir eben ermöglicht, mich frei zu entscheiden. Filmemachen ist sehr anstrengend, sehr ermüdend und diese Mühe und diese Anstrengungen müssen sich lohnen, insofern, als jedes Mal eine persönliche wertvolle Erfahrung dabei herauskommt. Vom Filmemachen, um des Filmemachens willens, halte ich gar nichts, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das Spaß macht.

TIP: Das ist wahrscheinlich auch der Grund, dass Sie innerhalb von 10 Jahren nur 5 Filme gedreht haben?

Miller: Also am Anfang meiner Kinokarriere habe ich mir das auch so vorgestellt, dass ich beruflich Cineast werde, beruflich Kino mache und möglichst jedes Jahr ein Film, aber nach dem jetzigen Stand der Erfahrungen, könnte ich das nicht mehr vereinbaren, bi und ich würde auch, wenn das so gewesen wäre, jetzt damit aufhören.

TIP: Sie haben in Ihren Filmen mit sehr sehr großen Stars gedreht, Miou-Miou, Romy Schneider, Adjani, Depardieu, Lino Ventura, Michel Serrault, und jetzt kommen Sie plötzlich mit einem Film mit lauter
kleinen Leuten in den Hauptrollen, wohlgemerkt. War das eine sehr große Umstellung für Sie? Eine große andere Erfahrung?

Miller: Einerseits gebietet das Thema schon dieses Films, ein dreizehnjähriges Mädchen, jemand zu nehmen, der wohl kaum bekannt sein dürfte in diesem Alter. 2. war es natürlich leicht und hat sehr viel Probleme verhindert in diesem Falle, anstatt mit Stars zu drehen, wo Spannungen auftreten, Probleme auftauchen, mit Kindern praktisch zu drehen, die keine Erfahrungen haben und die ganz anders an die Sache herangehen.

TIP: Das ist ein gutes Stichwort, mit Kindern. Ich finde, Ihr Film hat sehr viel mit den Filmen von François Truffaut zu tun. Truffaut ist bekanntlich ein Regisseur gewesen, der sich sehr viel mit Kindern beschäftigt hat und der Kinder geliebt hat. Ich hatte im Film mittendrin den Eindruck, das ist ein erster, neuer Truffaut, das ist ein Nachfolge Truffauts. Ich sehe das aber im positiven Sinn, also nicht als Kopie, sondern als Qualitätsmaßstab, wie stehen Sie dazu?

Miller: Ich kannte Truffaut sehr gut, ich habe mit ihm zusammen gearbeitet und ich kann es mir wohl so erklären, dass Truffaut wie ich, von diesem Gedanken besessen war, irgendwie, etwas hinüberzuretten in das Erwachsenwerden. Ich fühle mich immer wie ein Kind, was sich als Erwachsener verkleidet und ich weiß, dass das bei Truffaut auch der Fall war.

TIP: Ihre Filme, glaube ich, nehmen sich so aus, dass man sagen kann, das sind Kammerspielfilme. Das heißt, kleine überschaubare Personen, die da mitspielen und wo Menschen spielen und nicht Roboter, die ja sonst häufig im Kino anzufinden sind. Würden Sie diese Interpretation akzeptieren und glauben Sie, dass für solche Filme in längerer Sicht, überhaupt noch Platz im Kino ist, in denen es auf Menschen ankommt, wo ein überschaubarer Personenkreis mitspielt, wo Menschen aus Fleisch und Blut mitspielen, denn das ist heute auf der Kinoleinwand fast ausgestorben. Wir sehen ja nur noch Computer- ‚ Roboter- und Videospiele und Sie erzählen in Kammerspielform, Geschichten von Menschen, mit denen man in Kontakt kommt.

Miller: Ich bin da sehr optimistisch, dass gerade diese Filme, wo es um die Darstellung von Menschen geht, dass die überleben werden. Diese Roboter- und Computerfilme sind eine Modeerscheinung und werden ganz schnell abstürzen.

TIP: Ich will darauf hinaus, dass das heutige Kino ja meistens sehr laut und sehr bunt und vor allen Dingen geistig wahnsinnig simpel ist, und Sie setzen nun dagegen, unmodisch kann man fast sagen, altmodisch will ich nicht sagen. Ich frage mich wieso, und bringt das nicht große Schwierigkeiten mit den Geldgebern heute, die die Filme finanzieren?

Miller: Ich habe überhaupt keine Probleme, bin finanziell völlig unabhängig, denn der Film ist in Frankreich ein Riesenerfolg gewesen und garantiert mir jetzt schon wieder die Freiheit für meinen nächsten Film. Nach meiner Meinung liegt der Erfolg eines Films nicht darin, dass er nun bunt ist, laut oder weniger bunt, mehr so schwarzweiß, sondern dass Gefühle rüberkommen beim Publikum, dass das Publikum Empfindungen hat, wenn es aus dem Kino kommt, ob die nun brutaler Art sind oder gefühlvoller, romantischer Art, das ist egal.

TIP: Nun wissen wir, dass Filme wie “Top Gun“ oder“City Cobra“ oder wie die alle heißen, dass die im Augenblick das große Geschäft sind. Wenn ich die mit ihrem Film vergleiche, dann steht der natürlich ganz am Ende in der Ecke und ich freue mich, dass Sie trotzdem Erfolg damit haben, aber dennoch frage ich mich, wie das kommt, dass das so ist, dass er da nur in der Ecke steht und die andern die große Kasse machen.

Miller: Das ist auch eine Frage der Relation, ich mache ja kleine Filme, mit wenig Schauspielern und eben keinen Stars. Wenn so ein kleiner leiser Film, so viel kosten würde, wie “Top Gun“, dann würde ich schon Gefahr laufen, keine Zuwendungen mehr zu bekommen.

TIP: Sie sagten vorhin, Sie haben Glück und Erfolg, dadurch können Sie den nächsten Film machen. Was würde passieren, wenn Sie einen Film machen, der kein Erfolg würde? Wären Sie damit als Filmemacher passé oder was würden Sie machen?

Miller: In bin schon daran gewöhnt durch die 5 Filme, die ich gemacht habe. Es geht immer rauf und runter, Erfolg, Misserfolg, aber einen ganzen kompletten Misserfolg kann man das nicht nennen. Einen Film, der Erfolg hat, gestattet mir, zwei weitere zu drehen.

TIP: Von den 5 Filmen ist mir kein Misserfolg bekannt, das würde mich interessieren, welcher Film war denn ein Misserfolg?

Miller: Die Frage, ob ein Film ein Erfolg oder ein Misserfolg ist, da will ich mich nicht festlegen, das ist relativ. Es gibt Filme, die als sie im Kino gelaufen sind, überhaupt kein Erfolg waren und 3, 4 Jahre später im Fernsehen als großer Erfolg wieder auftauchten.

TIP: Ich will so sagen, wenn wir in Deutschland gehört haben, da kommt ein Film von Claude Miller, dann waren wir fasziniert, dann waren wir neugierig, interessiert, nicht weil der vorherige ein Riesenerfolg war, sondern weil der vorherige für uns sehr gut war. Also ich finde alle 5 Filme von Ihnen sehr, sehr gut.

Miller: Das freut mich natürlich, aber diese Einstellung ist schon die Haltung eines Kinofans, der sich auskennt. Das müsste praktisch das ganze Publikum machen, das breite Publikum.

TIP: Dann würden Sie diese schönen Filme nicht mehr drehen, dann würden Sie wahrscheinlich andere Filme drehen. Wo sehen Sie sich heute überhaupt mit Ihrem Kino, ich hätte gerne eine Standort oder Identitätsbestimmung des Claude Miller, im Kino allgemein?

Miller: Es ist sehr schwer darauf zu antworten, es ist dasselbe, als würden Sie mich fragen, wo ich mich im Leben einordne. Ich sehe mich als Künstler, der Freude daran hat, Filme zu machen. Diese Filme sollen, wenn sie für mich ein Erfolg sind, mir persönlich Erfahrungen bringen.

TIP: Wann sind sie für Sie ein Erfolg?

Miller: Ein Film ist für mich ein Erfolg, wenn die Spanne zwischen dem was ich im Kopf habe, zwischen seinem Konzept und dem Drehbuch und dem, was ich mir erträumt habe und dem Resultat auf der Leinwand so klein wie möglich ist, wenn das also fast identisch ist.

TIP: Haben Sie einen Wunschtraum beim Film, ein Projekt, eine Idee, jeder Schauspieler, jeder Regisseur, jeder Künstler sagt doch, das mochte ich einmal in meinem Leben machen, gibt es so etwas bei Ihnen?

Miller: Ja, ich habe schon einen Wunschtraum, aber ich bin mir gleichzeitig bewusst, dass es so gut wie undurchführbar ist. Ich würde gerne einen Film drehen, der von Sexualität handelt und die Leute anspricht. Aber ich glaube, dass das deshalb nicht zu. machen ist, weil Sexualität nach wie vor der ganz persönliche Bereich des Publikums ist und dass es da sehr schwer, wenn nicht unmöglich ist.

TIP: Sexualität sicher nicht im Sinne von Emanuelle, aber vielleicht im Sinne von “Der letzte Tango von Paris“? In Welcher Hinsicht Sexualität?

Miller: Für mich ist die Differenz zwischen “Porky“ und wie zwischen Emanuelle und “der letze Tango“. Emanuelle ist ein rein kommerzieller Film, der auf ziemlich niedrigem Niveau bestimmte Klischees bearbeitet. Ich möchte etwas machen, was tiefer geht.

TIP: Gibt es dafür Vorbilder oder sind Sie in der Hinsicht Original?

Miller: Vorbilder sind George Bataille als Schriftsteller oder Baltus als Maler. Ich versuche in die Wahrheit der Dinge zu dringen, wirklich ein großes Werk daraus zu machen, nicht am Boden zu bleiben.

TIP: Wie kommt es, das derzeit im französischen Film, Liebe und Sexualität ein großes Thema, ein wichtiges Thema ist. Dass jeder, fast jeder Regisseur, mit dem man sich unterhält, den man trifft, auch auf der Leinwand trifft, formuliert heute das Thema Sexualität und Liebe, woher kommt das?

Miller: Das ist eine der wichtigsten Sachen die es gibt. Ein 2. Grund ist natürlich der, dass für einen Filmemacher ein Film eine Herausforderung ist, man versucht, darin liegt der Reiz, das Verborgene sichtbar zu machen, praktisch die Spitze des Eisbergs, den Eisberg zu zeigen. Im Bezug jetzt auf Liebe und Sexualität, eben das auf der Leinwand zu zeigen.

TIP: Was würden Sie nie akzeptieren?

Miller: Ich habe natürlich wie jeder normale Mensch Abneigung, Ekel, Dinge die mich aufbringen. Ich würde nie einen Film machen, der die Werte, an die ich glaube, zunichtemachen würde.

TIP: Können Sie das konkretisieren?

Miller: Ich würde nie einen Film drehen, bewusst oder auch unbewusst in dem es um Rassismus geht oder einen Faschistenfilm.
Das Unbewusste spielt auch beim Regisseur eine große Rolle und dass man durchaus, wenn man nicht sehr streng und sehr selbstdiszipliniert ist und immer verfolgt, was man gerade dreht und ein Drehbuch schreibt, dass man nicht Gefahr läuft, praktisch einen rassistischen Film zu drehen, in Form einer Liebesgeschichte ohne sich dessen bewusst zu sein.

TIP: Wie glauben Sie dieser Gefahr entgegenwirken zu können, haben Sie Leute, mit denen Sie das Drehbuch besprechen oder haben Sie Kontrollmechanismen in Ihren Arbeiten eingebaut?

Miller: Erstens bin ich fast nie alleine dabei das Drehbuch zu schreiben, wir sind meistens zu zweit oder zu dritt, Dann ist es auch so, dass ich nach bestimmten Etappen, wie jeder normale Mensch, der so etwas schafft, das Bedürfnis habe, darüber zu sprechen, mit meiner Frau oder mit Freunden, so dass ich also immer kontrolliert werde.

TIP: Nun müssen wir natürlich auf Charlotte Gainsbourg zu sprechen kommen. Diese junge Frau ist für mich eine absolute Sensation, wie Sandrine Bonnaire und Charlotte Valandrey. Wie kamen Sie auf sie und wie haben Sie es geschafft, dass sie so spielt, das ist schon phänomenal.

Miller: Charlotte Gainsbourg habe ich schon in einer anderen kleinen Rolle gesehen, da spielte sie in “Wort und Musik“, die Tochter von Catherine Deneuve. Sie ist einerseits ein ganz normales Mädchen von
15 Jahren und gleichzeitig…Sie ist wirklich genial, sie hat ein absolutes Talent, sie ist eine sehr gute Schauspielerin. Das ist erblich, die Großmutter der Charlotte ist eine der bedeutendsten
Schauspielerinnen Englands, die Theaterschauspielerinnen Judy Campell.

TIP: War das sehr schwer, mit dieser jungen Frau zu drehen? Aus dem Hause Gainsbourg kommen doch sehr exzentrische Personen, sehr starke Persönlichkeiten, auch wie sie leben. Nun ist sie noch sehr jung, war das sehr schwer mit ihr. Ich meine ist sie sehr exzentrisch oder ist sie ganz normal?

Miller: Es ist eigentlich leicht mir ihr auszukommen, sie ist sehr introvertiert, ein bisschen scheu, kein bisschen exaltiert oder angeberisch.

TIP: Ihr Film hat mir aber nicht nur gefallen, weil die junge Gainsbourg so phantastisch ist, sondern mir hat der Film auch gefallen, das habe ich in der Kritik auch zum Ausdruck gebracht, wegen zwei hervorragender Nebenrollen. z.B. glaube ich, dass man jetzt nach 20 Jahren Jean-Claude Brialy plötzlich entdeckt, der seit über 20 Jahren auf den Besetzungslisten steht in Frankreich und nun plötzlich entdeckt wird. Ich glaube auch warum, ich würde gerne die Bestätigung dafür haben oder auch dagegen, weil ich glaube, dass der nicht mehr diesen heißen Liebhaber spielen muss, der kann jetzt zeigen, dass er schwul ist, der kann jetzt zeigen, dass er einen Bauch trägt. Ich finde, er bringt das so amüsant rüber, dass man plötzlich diesen Mann wieder entdeckt. Ist mein Eindruck richtig oder ist er total falsch?

Miller: Ja, das stimmt, die Rollen die er früher in den ersten 15 Jahren gespielt hat, waren Rollen, die ihm eigentlich gar nicht zugesagt haben. Die jetzigen Rollen passen eben viel besser.

TIP: Die zweite Sache ist Bernadette Lafont. Sie ist für mich die interessanteste Zweitbesetzung, die ich je im französischen Film gesehen habe und auch bei Ihnen. Nun spielt die Kleine im Grunde die Lafont an die Wand und die Lafont trägt das mit einer Fassung, dass ich mich frage, wie hat sie das ertragen, ist sie so toll, so selbstbewusst oder gab es Streitereien?

Miller: Also Benadette Lafont wie auch Brialy sind in Frankreich anerkannt als sehr gute Schauspieler, wiederum aber keine Schauspieler mit denen man einen ganzen Film machen könnte. Also schon sehr gute Nebenrollen und die Sache ist die, dass sie sich damit abgefunden haben und über das Stadium hinaus sind, wo sie meinen, sie müssten an 1. Stelle auf dem Plakat stehen.

TIP: Das ist übrigens ein Phänomen, was es in Deutschland nicht gibt. In Deutschland würden Stars wie Brialy, wie Lafont, würden es nicht akzeptieren in der 2. Reihe zu sein, sondern würden da gar nicht auftreten. Das bewundere ich am französischen Film.

TIP: Sie haben Ihr Handwerk in verschiedenen Filmberufen quasi von der Pike auf gelernt und wenn Sie heute darauf zurückblicken, waren das sicherlich wichtige Jahre. Meine Frage ist: Würden Sie dem heutigen Nachwuchs Ähnliches empfehlen, bevor die an den ersten Spielfilm herangehen?

Miller: Ich habe 10 Jahre bevor ich den ersten Film gedreht habe, als Kameramann, Regieassistent gearbeitet. Ich würde das nicht unbedingt weiterempfehlen an die junge Generation, sondern der beste Rat, den ich geben kann, ist, der jungen Generation zu sagen, seht euch so viele Filme wie möglich an und versucht vor allem herauszufinden, warum ihr einen Film mögt oder ihr ihn nicht mögt.

TIP: Also Sie wollen damit ausdrücken, dass es nicht so sehr auf die Beherrschung des Handwerks ankommt, da zu erlernen man eine ganze Weile braucht, dass es mehr eine geistig intellektuelle, eine emotionale Angelegenheit ist, Filme zu drehen.

Miller: Das Wichtigste ist, dass man ganz genaue Vorstellungen hat über den Film, den man machen will, denn die Leute, die das ausführen, die sind ja dann da, Toningenieur, Kameramann und so. Man muss es eben verstehen, genau zu definieren, was man will.

TIP: Es gibt übrigens auch in Deutschland Filmemacher, die sagen, ich vertraue auf mein Team, die müssen das Handwerk beherrschen, ich will halt das einbringen, was ich glaube, die Geschichte halt und die Bilder. Letzte Frage: Coline Serrault ist gerade in Hollywood, um den Amerikanern zu zeigen, wie man eine Komödie macht, wird das eines Tages mit Claude Miller auch passieren?

Miller: Das ist mir sehr egal, da habe ich überhaupt keine Ambitionen. Ich möchte nach wie vor in egoistischer Weise Filme machen, wenn das aus irgendwelchen Gründen in Frankreich mal nicht mehr möglich ist, dann würde ich woanders hingehen, wo ist mir egal.