1001 Gramm Heimkino

Ich mag „spezielle“ Filme. Wie zum Beispiel Filme aus Norwegen. Erinnere nur an die Favoriten „Elling“ (s. Kino-KRITIK) und die Fortführung „Elling – Nicht ohne meine Mutter“ (s. Kino-KRITIK). Besonders aber mag ich die herrlich blinzelnden Filme des norwegischen Autoren-Regisseurs BENT HAMER (Jahrgang 1956). Einem geschätzten Quer-Einsteiger, mit abgebrochenem Jura-Studium und Kapitäns-Patent, bevor er mit dem Filmemachen anfing. Von ihm mag ich besonders seine beiden Arthouse-Hits „Kitchen Stories“ (s. Kino-KRITIK) sowie der für den Auslands-„Oscar“ nominierte „O´Horten“ (s. Kino-KRITIK). In seinem neuesten feinen Kleinwerk, das ebenfalls von Norwegen für die Auslands-„Oscars“ eingereicht und dann auch nominiert wurde, stellt er nun erstmals keine kauzigen männlichen Oldies in den Blick- und Mittelpunkt, sondern eine melancholische Frau, die mit sich, präzise: mit ihrem Innenleben, ganz schön „zu knabbern“ hat:

1001 GRAMM“ von Bent Hamer (B, Produktion + R; Norwegen/D/Fr 2014; K: John Christian Rosenlund; M: John Erik Kaada; 91 Minuten; Heimkino-Veröffentlichung: 19.06.2015).

Das Markenzeichen von Bent Hamer: Sein nie verletzendes, sondern stets mit einem skurril-lakonischen Humor durchsetztes Personen-Ensemble. Marie, die Mittdreißigerin (ANE DAHL TORP), befindet sich gerade in einer seelischen Saure-Gurken-Zeit. Ehe kaputt, sie beobachtet aus ihrem Mini-Elektroauto, wie ihr Ex die ehemalige gemeinsame Wohnung kommentarlos ausräumt. „Du hast wirklich eine Engels-Geduld“, deutet eine hilfsbereite Kollegin ihren derzeitigen Gemütszustand. In der Blick-Tat: Marie ist eher eine Gedanken-Schweigerin. Benötigt nicht viele Worte, um „ihre Dinge“ zu erklären, da reicht „das Empfangen“ ihrer ausdrucksstillen Körpersprache, also der Blick-Kontakt. Zudem ist ihr Job, sagen wir mal, ziemlich apathisch: Marie arbeitet beim norwegischen Eichamt und hat damit zu tun, durch das Land zu fahren, um Messgeräte zu kontrollieren. Wie Briefwaagen oder Benzinpumpen an den Zapfsäulen. Alles muss im Maaß-Lot sein. Damit auch das Leben seine Ordnung bekommt. Allerdings – weil sich „die Trockenheit“ des Alltags auch mit ihrem emotionalen Privatleben-Zustand deckt, erleben wir Marie weitgehend korrekt, aber gefühlsmäßig „unterversorgt“. Dies erträgt sie zwar mit stoischer Ruhe, doch eine Zufriedenheit sieht anders aus. Als ihr Vater, der ihr am Institut ein guter Kollegen-Ratgeber und Zuhause ein ebensolcher Freund war, stirbt, „schnappt“ sich das Leben diese hübsche Frau und stattet sie mit erheblichen Portionen Energie aus. Sicherlich auch, weil jetzt „Paris“ „eingreift“. Also wirkt. Eine Dienstreise bringt sie mit dem völlig normalen Charme-Bolzen Pi in Kontakt (LAURENT STOCKER), der sich als Physiker ausgeklinkt hat, keine Lust mehr auf Referenz-Gewichte und den norwegischen Kilogramm-Prototyp hat, den Marie ständig mit sich umherträgt, sondern der lieber als Gärtner die Anlagen des französischen Pendant-Instituts pflegt. Als sich weiterhin mit dem „Ur-Kilo“ von 1889 und Folgen zu befassen.

Physik und Poesie. Zwei Paar verschiedene Schuhe? Eigentlich ja. Bei Bent Hamer aber paradoxerweise nicht. Denn das ist seine listige Art: Unvereinbartes vereinbar werden zu lassen. Motto dabei: In der Ruhe liegt der Kraft-Spaß. Menschen und ihr „exklusives“ Machen werden auf seine eigene, leise, humorschräge Art beschrieben. Lächelnd beobachtet. Ihre „komischen“, aber ernsthaften vielen Staun- und Denk-Bewegungen oder wenn sie „gebührend“ überlegen, welchen Effekt die Gewichtsdefinition wohl auf die Menschheit hat? Bent Hamer weiß dies übrigens augenzwinkernd zu kommentieren: Ein Mann mit einer Uhr, weiß genau, wie spät es ist. Einer mit zwei Uhren ist sich nie ganz sicher.

Gärtner Pi dagegen fordert die Praxis heraus: Wieviel wiegt ein Leben? Wieviel wiegt die Liebe? Während am Ende ein französischer Dichter locker-humorig bemüht wird: „Bis man zu leben gelernt hat, ist es schon zu spät“. Was fürs Kino aber bekanntlich selten zutrifft.

SIE ist angenehm. Zählt zu den Publikumslieblingen Zuhause, in Norwegen: ANE DAHL TORP. Hat etwas in ihrer stummen, sich viel wundernden Außenseiter-Art von einem Jacques Tati-Kobold, einem weiblichen Hulot. Wenn es etwa in die Welt hinausgeht, wo Gefühle sich schwer eichen lassen. Ihr französischer Partner LAURENT STOCKER als Pi verströmt brav seine Stichworte. Beider Schluss-Gag, in der Badewanne, ist köstlich. In der „Süddeutschen Zeitung“ finde ich d a s zutreffende Fazit-Zitat: „Der Norweger Bent Hamer kann Alltägliches wundersam verrätseln“. Schön so etwas.

Anbieter: „Pandora Film“

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