HECTORS REISE ODER DIE SUCHE NACH DEM GLÜCK“ von Peter Chelsom (Co-B + R; Kanada/D 2013; Co-B: Maria von Heland, Tinker Lindsay; K: Kolja Brandt; M: Dan Mangan; 120 Minuten; Start D: 14.08.2014); vor einigen Jahren häufte sich diese Fragestellung: Was ist Glück; was bedeutet überhaupt Glück; wo und wie „bekommt“, „erhält“ man den Zustand von Glück. Bücher erschienen zuhauf; Ratgeber über das Glücklich-Sein waren an der Tagesordnung; viele Diskussionen im Fernsehen befassten sich mit diesem angesagten Thema. Der „Duden“ gibt diesmal nichts her, also Wikipedia. Dort heißt es, dass GLÜCK „ein sehr vielschichtiger Begriff“ ist, „der Empfindungen vom momentanen bis zu anhaltenden, vom friedvollen bis zu ekstatischem Glücksgefühl einschließt“. Und: „Glück darf nicht mit Glückseligkeit verwechselt werden, die meist in Zusammenhang mit einem Zustand der Erlösung erklärt und verstanden wird“. Aha. Außerdem erfahre ich: „Das Streben nach Glück hat als originäres individuelles Freiheitsrecht Eingang gefunden in das Gründungsdokument der ersten neuzeitlichen Demokratie, in die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten. Dort wird es als Pursuit of Happiness bezeichnet, ein Begriff aus der Feder von Thomas Jefferson“. Abschließend: „Das Wort GLÜCK kommt von mittelniederdeutsch gelucke (ab 12. Jahrhundert) bzw. mittelhochdeutsch gelücke. Es bedeutet ´Art, wie etwas endet/gut ausgeht´. Glück war demnach der günstige Ausgang eines Ereignisses“.

Der französische Psychiater FRANCOIS LELORD, Pariser des Jahrgangs 1953, weiß dies alles natürlich. Lelord studierte Medizin und Psychologie und war nach seiner Promotion Oberarzt an einem Hospital, machte sich dann mit einer eigenen Praxis in Paris selbständig, bevor er (bis 2004) Unternehmen und Institutionen in den Bereichen Arbeitsunzufriedenheit und Stress beriet. Danach praktizierte er als Psychiater in Krankenhäusern in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt. Lelord ist mit einer Vietnamesin verheiratet und lebt seit 2008 jeweils ein halbes Jahr in Paris und Bangkok. „Lektion Nr.12: Glück ist schwieriger in einem Land, das von schlechten Leuten regiert wird“: 2002 erschien in Frankreich sein erster Roman „Le voyage d’Hector ou la recherche du bonheur“, der 2004 unter dem jetzigen Filmtitel hierzulande herauskam und mehrere Wochen auf der SPIEGEL-Bestenliste und in internationalen Bestsellerlisten stand. In Deutschland wurden bisher mehr als 1,5 Millionen Exemplare verkauft, mehr als in Frankreich. Vier „Hector“-Fortsetzungsromane von Francois Lelord folgten zwischen 2009 und 2013.

Hector. Nur Hector. Hector (SIMON PEGG) ist Psychiater. In London. Mit eigener Praxis. Eigentlich müsste der nett-schrullige Hector zufrieden sein. Mit feiner Wohnung, der gut gehenden Praxis, einer attraktiven wie fürsorglichen Lebensgefährtin Clara (ROSAMUND PIKE). Doch dann erwischt es den großen Jungen Hector: Ergebnis = Ich bin unzufrieden. Dieser tägliche gleichförmige Strom des Alltags. Mit Patienten, denen er offensichtlich nicht „richtig“ zu helfen weiß bei ihrer individuellen Glückssuche, die aber immer wiederkommen. Midlife Krise beim Seelenklempner selbst. Also soll „was geschehen“. Hector stellt sich selbst die Aufgabe: Ich begebe mich auf die Reise. Und Suche. Nach dem Glück. Gedacht, gepackt, los geht es. Die Stationen: Shanghai/China, das ländliche China, Südafrika, Los Angeles/Kalifornien. Mit vielen Begegnungen und nicht immer „freundlichen“ Erfahrungen entdeckt Hector um die 20 Zustände von Glück. Zeit, Bilanz zu ziehen. Und DIE ist ebenso erstaunlich wie an sich ziemlich „normal“.

Ein sympathischer Typ macht sich auf die Suche. Nach dem Glück, mehr aber nach Sich-Selbst. Episodenhafte Abenteuer. Mal emotional-simpel bei reichen Sündern, mal lärmend im Dunkelkeller afrikanischer Warlords. Mal „chemisch“, mit dem grandiosen „Wissenschaftler“ CHRISTOPHER PLUMMER als Erklärer, mal mit einem schmackhaften Süßkartoffeleintopf im Armenhaus. Mal helfen könnend, mal selbst angewiesen auf das notwendige Hilfe-Glück. Fühlen, begreifen, lernen. Hector staunt Bauklötzer. Über diese turbulente Balance zwischen Kitsch & Klischees & Seelen-Randale. Für DIE so namhafte Mitwirkende wie Stellan Skarsgard, Toni Collette oder Jean Reno ironische Stichworte zutragen. Während der sonstige britische Radau-Bruder und „Zombie“-Experte SIMON PEGG („Shaun oft he Dead“; „The World’s End“) sich hier als staunender Hector zurücknimmt, um es mal mit süffisant-naivem Menscheln zu versuchen. Siehe Nr.15 im Notizbuch: „Glück ist, wenn man sich rundum lebendig fühlt“.

UND wenn man auf einen britischen Regisseur setzen kann, dessen Beginn und Durchlauf in den Neunzigern so grandios vielversprechend war und der hier noch einmal „in die Spur“ kommt: PETER CHELSOM, 57, aus Blackpool. Unvergessen mit seinen Filmen „Hear My Song“ (1992), vor allem „Funny Bones – Tödliche Scherze“ (1995) und der immer noch zu entdeckende, viel zu unbekannte Streifen „The Mighty – Gemeinsam sind sie stark“ (1998). Danach verschlug es den Engländer in die USA, was zu weniger ansprechenden Filmen führte (zuletzt: „Hannah Montana – Der Film“/2009). Mit „Hector“ kriegt er als Spielleiter die schelmische Unterhaltungskurve wieder lakonisch in pointierten Schwung, mit bisweilen ähnlich skurrilem Personal wie bei seinen ironisch-originellen Anfangsfilmen. Ohne dabei den Ratgeber-„Maxen“ zu geben.

Peter Chelsom setzt auf den listigen Charme-Zauber einer beschwingten Glückssucherei. Und macht uns dabei ein ganz schönes Filmstück glücklicher (= 3 ½ PÖNIs).